Kufstein – Madrid

Frau und Herr Direktor und ich dürfen die kulinarischen Ergebnisse verkosten.

Eindrücke aus einem 14-tägigen Hospitationspraktikum an einer Pflichtschule-Sekundarstufe/ Gymnasialstufe/ Berufsbildenden Höheren Schule in Spanien

1. Eindruck: Protest
“Wenn euch die Bildung zu teuer vorkommt, probiert es mit Ignoranz!”
“Bildung ist die mächtigste Waffe, um die Welt zu verändern.”

Wenn euch die Bildung zu teuer vorkommt, probiert es mit Ignoranz!

Wenn euch die Bildung zu teuer vorkommt, probiert es mit Ignoranz!

Diese beiden mit großen unübersehbaren Lettern an die Fensterfrontscheiben gehefteten Gedanken empfingen mich vor 14 Tagen, als ich das erste Mal das Instituto de Educación Secundaria in Villalba betrat. SchülerInnen und Lehrpersonen hatten damit ihrem Unmut gegen die massiven Einsparungen im Bildungswesen vor ca. 2 Jahren Luft gemacht. Man ging auf die Straße, man protestierte … nichts wurde von der spanischen Regierung zurückgenommen (Gehaltskürzungen, mehr Unterrichtsarbeit, größere Klassen …).

2. Eindruck: bienvenido
Ich wurde von allen sehr herzlich willkommen geheißen und alle nur möglichen Türen wurden mir geöffnet. Vier SchülerInnen aus dem bachillerato (≈MaturantInnen) (einer mit steirischen Wurzeln, der mit seinem Fahrrad sogar schon in Kufstein war – „el mundo es un pañuelo“ = „die Welt ist so klein“) führten mich durch sämtliche Räume, platzten in Unterrichtsstunden, stellten mich vor und verschafften mir einen ziemlich guten Überblick.

Meine guides zeigen mir einfach alles: Wer hat steirische Wurzeln?

Meine guides zeigen mir einfach alles: Wer hat steirische Wurzeln?

3. Eindruck: Lehrpersonen-Unterrichtsstile
Ich durfte 15 Lehrpersonen in verschiedensten Fächern „über die Schulter schauen“: Musik, Geschichte, Englisch, Französisch, Übungsfirma/Rechnungswesen, Philosophie, Spanisch, Bewegung und Sport, Geologie, Bildnerische Erziehung, Latein, Technisches Werken, Autowerkstätte, Küche und Servierkunde. In all diesen Stunden durfte auch ich wieder die Schulbank drücken. So ähnlich mir die verschiedenen Unterrichtsstile zu unserer Art des Unterrichtens vorkommen, sind die Spanier andererseits doch sehr von ihrem Temperament her anders. Es gab für mich sehr eindrückliche Momente in Unterrichtsgeschehen: mit welcher Aufmerksamkeit 14jährige SchülerInnen dem Vortrag von Milagros – ihrer Spanischlehrerin – eines Gedichtes von Antonio Machado und einem Märchen („Rotkäppchen“) zuhörten, wie Sergio und Pedro die Stunde mit einer Körper- und Wahrnehmungsübung begannen, wie Jesús seine SchülerInnen in die Welt der Sprachphilosophie Wittgensteins „verführte“ …

Betriebsküche am I.E.S. Maria de Zayas in Majadahonda

Betriebsküche am I.E.S. Maria de Zayas in Majadahonda

4. Eindruck: SchülerInnen duzen Lehrpersonen
„Araceli (RW-Lehrerin) kannst du mir das bitte noch einmal erklären?“ Obwohl die meisten Lehrpersonen geduzt werden, scheinen die SchülerInnen ihre Grenzen zu kennen. Auch zu mir sind sie sehr höflich, die „Großen“ sehr wissbegierig, wie bei uns das Schulsystem aussieht, sie sind ausgesprochen aufmerksam, wenn ich mich erkläre und manche nützen meine Anwesenheit aus, damit der Lehrer mit dem Stoff nicht weiterkommt. Trotz oder vielleicht geraden wegen der hohen Jugendarbeitslosigkeit (die auch immer wieder Thema ist) spüre ich ein hohes Maß an Konzentration, Engagement, an selbstständigem Arbeiten und Weiterkommenwollen.

5. Eindruck: Schule (Gebäude, Einrichtung, Schulbücher …)
Es zieht, es ist kalt (besonders im Turnsaal), es wirkt ein wenig heruntergekommen. Die Bibliothek ist für mich einer der wenigen Orte, der großzügig und hell gestaltet ist, wo in Ruhe gut gearbeitet werden kann. Jede Abteilung/departamento (Mathematik, Philosophie/Psychologie, Englisch, Spanisch/lenguas, Geschichte …) hat ein kleines Büro, wo Unterrichtsmaterialien und 1-2 Computer zur Verfügung stehen. Die Lehrer müssen insgesamt 30 Stunden (lecciones lectivas) an der Schule verbringen, 21 Stunden (zwischen 50 und 55 Minuten) unterrichten. Jede Lehrperson hat auch Supplierbereitschaft (estar de guardia); in diesen Stunden wird nicht fachsuppliert, sondern „nur“ Aufsicht gehalten. Die Eltern müssen die Schulbücher selber bezahlen, die Bus- Zugtickets sind monatlich zu begleichen und die Prüfungen nach dem bachillerato, also die Matura oder die Abschlussprüfungen der Formación Profesional (eine Art Fachmatura) kosten zwischen 300 und 400 €. Wer durchfällt, bezahlt noch einmal. Manche können sich das einfach nicht (mehr) leisten.
Ca. 1 200 SchülerInnen und 100 Lehrpersonen gehen ein und aus.

Frau und Herr Direktor und ich dürfen die kulinarischen Ergebnisse verkosten.

Frau und Herr Direktor und ich dürfen die kulinarischen Ergebnisse verkosten.

6. Fazit und Ausblick: fue una experiencia maravillosa y rotunda
Für mich war es eine unglaublich erfüllte und lehrreiche Zeit: mit den neu geknüpften Kontakten zu den spanischen KollegInnen, in sprachlicher Hinsicht, im Erleben des kulturellen Reichtums (El Escorial, Madrid, Aranjuez).

Mit Dr. Soledad Outes (meiner für mich zuständigen Kollegin und Englischlehrerin) und dem Direktor Dr. Rafael de La Rosa planen wir Austauschprogramme für die SpanischschülerInnen in den kommenden Jahren, aus denen interessante Kontakte entstehen und für beide Seiten sich neue Arbeits- und Lernfelder eröffnen könnten. Etliche KollegInnen zeigten sich sehr an unserer Schule interessiert. Vielleicht dürfen wir in diesem Schuljahr noch Frau Soledad Outes an unserer Schule begrüßen; dann könnte ich ihr ein wenig von dem zurückgeben, was ich in Spanien erleben durfte.

7. Wer noch mehr über die Schule in Spanien erfahren möchte
Siehe Homepage der HLW Kufstein unter „Kooperation“ → I.E.S. Lázaro Cárdenas.
Dort wird bald auch ein Beitrag über meinen Aufenthalt am I.E.S. erscheinen.

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